Wer ist Swaantje Kretschmar?
Wer ist Swaantje Kretschmar: „Wie ich zur NDR Radiophilharmonie und zu meiner Tätigkeit als Orchesterwartin kam“
Ich bin in Hannover geboren, aufgewachsen und habe dort auch die Schule
besucht. Zwei Jahre lang war ich in der Chorklasse, bis ich die Schule
gewechselt habe. Ich war hin und wieder schon mal in Konzerten der NDR
Radiophilharmonie, wie zum Beispiel im Weihnachtskonzert. Mit dem
NDR bin ich sozusagen aufgewachsen, da meine Mutter seit fast 38 Jahren
beim NDR arbeitet und 2018 zur NDR Radiophilharmonie gewechselt ist.
Jedoch hatte ich insgesamt kaum Berührungspunkte mit Musik.
Eigentlich wollte ich als Kind immer Polizistin werden, aber das blieb nur
ein Kindheitstraum – dafür bin ich schlicht zu unsportlich (lacht). Als wir
damals gemeinsam ein kleines Reisebüro besuchten, um eine Kreuzfahrt
zu buchen, war ich total begeistert, was der Herr dort alles über die Welt
wusste, und ab da war für mich sofort klar: Das ist es. Reisen haben mich
schon immer begeistert – neue Orte, andere Kulturen, Wärme.
Natürlich hatte auch ich als Teenager eine Trotzphase, und sagen lassen
will man sich ja auch nichts. Ja, ich muss Bewerbungen für einen
Ausbildungsplatz schreiben, das ist schon klar – aber doch nicht heute,
sondern irgendwann. Es endete damit, dass meine Mutter sagte: „Wenn du
es jetzt nicht machst, mache ich es!“ Und das hat sie. Natürlich auch auf
Jobs, von denen sie wusste, dass ich das auf keinen Fall will: von
Flugzeuggerätemechanikerin über Versicherungskauffrau oder
Sparkassenkauffrau bis hin zur Fitnesskauffrau – und eben auch zur
Tourismuskauffrau.
Letzteres ist es dann auch geworden. Ich habe 2014 eine Ausbildung bei
der TUI begonnen. Während meiner Ausbildung habe ich jedes Jahr in
einem anderen Reisebüro gearbeitet. Das war spannend, denn überall
herrschten andere Arbeitsabläufe und man begegnete immer neuen
Menschen. Nach meiner Ausbildung wurde ich dann bei der TUI
unbefristet übernommen.
Doch dann kam Corona. Die Arbeit im Reisebüro wurde deutlich weniger,
wir gingen in Kurzarbeit. Anfangs gab es noch viel zu tun wegen der
zahlreichen Absagen, später arbeiteten wir nur noch zu etwa 30 Prozent.
Plötzlich hatte ich viel Zeit – und weniger Geld. In dieser Phase kam die
Anfrage vom NDR, ob ich dort aushelfen könnte. Die Besucher mussten
damals persönlich zu ihren Plätzen begleitet werden, da das Schachbrettprinzip galt.
Zunächst war ich skeptisch, begann dann aber doch —und fand es richtig gut.
Man kam ständig mit Menschen ins Gespräch. Ich war dann ziemlich oft beim NDR im Einsatz, auch weil zusätzlich die
Testungen für alle Orchestermitglieder durchgeführt werden mussten.
Ich half außerdem bei Probespielen mit, und dabei wurde Andreas Meyer,
mein Vorgänger, auf mich aufmerksam. Er fragte meine Mutter (!)
schließlich, ob ich mir diese Tätigkeit vorstellen könne. Typische Reaktion
meiner Mutter: „Das musst du sie schon selber fragen“, was er dann auch
tat – denn ehrlicherweise konnte ich mir nicht so richtig vorstellen, was
man dort zu tun hat. Er erklärte mir den Aufgabenbereich eines
Orchesterwarts – und nun sitze ich hier (lacht).
Die Arbeit im Reisebüro hat mir gefallen, doch ich wollte nicht dauerhaft
den ganzen Tag am Schreibtisch verbringen. Zudem gab es dort einen
Personalwechsel, und so kam mir das Angebot, Orchesterwartin zu
werden, sehr entgegen, auch wenn ich wusste, dass ich dafür eine
Festanstellung aufgeben muss. Der Job war erstmal nur halbtags und auf
ein Jahr befristet. Da mein Kollege weiterhin auf halbtags bleiben wollte,
habe ich mich natürlich auf die Stelle beworben und sie glücklicherweise
auch bekommen. Als er dann in Rente ging, wurde aus meiner
Halbtagsstelle ein Vollzeitjob.

Orchesterwartin der NDR Radiophilharmonie Swaantje Kretschmar
Der Job ist unglaublich vielfältig: Ich bin viel unterwegs, habe intensiven
Kontakt zu den Menschen, arbeite mit einem großartigen Team – und
natürlich mit euch Musikerinnen und Musikern. Das macht jeden Tag aufs
Neue Spaß. Ich packe gern an, löse Probleme und helfe, wo ich kann.
Gleich zu Beginn meines festen Vertrags stand dann bereits die
Japantournee an – das war schon eine sportliche Herausforderung. Aber
ich habe es gemacht, und es war großartig!
Ein typischer Abstecher im Sendegebiet beginnt lange vor dem Konzert
mit der Planung: Was muss mit? Wie viel Platz wird benötigt? Reicht ein
Lkw oder brauchen wir einen Anhänger oder sogar zwei Lkws? Außerdem
erstelle ich Bühnenpläne, die von den Veranstaltern für die Planung
angefordert werden – dafür nutze ich eine spezielle Software. Bühnenpläne
erstelle ich auch für unseren eigenen Saal, insbesondere bei Livestreams,
da sie für Regie und Kameraführung wichtig sind – ebenso bei Konzerten
mit Chor.Nach unseren Proben oder auch Konzerten wird dann alles für unsere
auswärtigen Konzerte verladen. Für diese Fahrten fahren wir immer
rechtzeitig für den Aufbau los, manchmal bereits am Vortag. Vor Ort
unterstützen uns meist Helfer, in der Regel vier Personen, und wir
beginnen mit dem Aufbau drei Stunden vor Beginn unserer Vorprobe.
Dann warten wir auf euch Musiker – und auf eure Wünsche: mehr Platz,
verschwundene Noten, wackelnde Stühle. Nach dem Konzert wird dann
direkt abgebaut und der Lkw wieder beladen.
Wenn die Spielorte uns noch nicht bekannt sind, gibt es in der Regel eine
Vorbesichtigung, um alle Gegebenheiten vor Ort anzuschauen und zu
planen, mit welcher Besetzung und dementsprechend auch mit welchem
Programm wir dort spielen können. Außerdem betreue ich auch das
Planungssystem, welches in der Zeit eingeführt wurde, seitdem ich beim
NDR bin. Dort können wir alle jederzeit alle Termine, Konzerte und
aktuelle Änderungen online einsehen.
Als mein Kollege Martin Stoll einmal gefragt wurde, welche
Berufsbezeichnung man denn nun eintragen solle – ich bin die erste Frau
in diesem Job in Hannover –, meinte er scherzhaft: „Orchesterwärterin“.
Und ein kleines bisschen Wahrheit steckt da schon drin: Ihr seid
schließlich ein ziemlich lebhafter Zoo! (lacht)
Interview von Jan Hendrik Rübel, Januar 2026


